Vierzehn Tage lang saß jeden Morgen ein fremder Hund vor Claire Morgans Haus in Portland, eine Wildblume zwischen den Pfoten — und verschwand erst, wenn sie die Tür öffnete.
Claire Morgan bemerkte ihn zuerst nicht als Gefahr.
Sie bemerkte ihn als Störung.

Ihr Morgen hatte seit Jahren einen festen Ablauf, nicht aus Strenge, sondern aus Notwendigkeit.
Um 6:45 Uhr kochte der Wasserkocher.
Um 6:52 Uhr stellte sie die Tasse an die rechte Kante des Küchentischs, so, dass sie sie mit einer leichten Bewegung erreichen konnte.
Um 7:00 Uhr lag das Handy neben dem Schlüsselbund.
Um 7:05 Uhr prüfte sie, ob die Rampe vor der Haustür frei war.
Nach dem Unfall sechs Jahre zuvor hatte Claire gelernt, dass kleine Dinge nicht klein blieben, wenn man im Rollstuhl saß.
Ein verschobener Stuhl konnte ein Hindernis sein.
Eine falsch abgestellte Tasche konnte den ganzen Vormittag verändern.
Ein verlorener Schlüssel war keine Unordnung, sondern ein Problem, das man nicht einfach mit einem schnellen Griff löste.
Deshalb war ihr Haus ruhig, klar und praktisch eingerichtet.
Die Wege waren breit.
Die Schränke waren niedrig.
Neben der Tür hing ein Haken für die Schlüssel, darunter stand eine flache Schale für Briefe, Quittungen und kleine Dinge, die sonst verschwanden.
Claire nannte es nicht Disziplin.
Sie nannte es Freiheit.
Am ersten Morgen sah sie nur die Blume.
Sie lag auf der Türmatte, eine kleine gelbe Wildblume, noch feucht, als hätte jemand sie gerade aus einer Wiese gepflückt.
Claire hielt inne, eine Hand am Türrahmen, die andere am Rad ihres Stuhls.
Vor dem Haus war niemand.
Keine Schritte.
Kein Lachen.
Kein Nachbarskind, das sich versteckte.
Nur die Straße im blassen Morgenlicht und ein einzelnes Blatt, das über den Gehweg kratzte.
Sie hob die Blume nicht sofort auf.
Es war nicht Misstrauen, eher ein vorsichtiges Unbehagen.
Jemand musste sie dort hingelegt haben.
Jemand musste nah genug an ihre Tür gekommen sein.
Claire kannte ihre Nachbarn flüchtig, freundlich genug für ein Nicken, selten mehr.
Nach dem Unfall war ihr Leben kleiner geworden, nicht leer, aber kontrollierter.
Sie mochte Besuche, wenn sie angekündigt waren.
Sie mochte Hilfe, wenn sie darum bat.
Sie mochte es nicht, wenn etwas vor ihrer Tür lag, das keine Erklärung hatte.
Am zweiten Morgen lag wieder eine Blume dort.
Diesmal war es ein Gänseblümchen.
Es lag nicht zufällig auf der Matte.
Es lag gerade, fast ordentlich, mit dem Stiel zur Tür und dem Kopf nach außen.
Claire starrte länger darauf, als sie wollte.
Dann nahm sie ihr Handy und öffnete die Aufnahmen der Türklingelkamera.
Die erste Datei begann um 7:09 Uhr.
Ein leerer Gehweg.
Ein vorbeifahrendes Auto.
Dann, genau um 7:10 Uhr, kam ein alter Hund ins Bild.
Er war ein Golden-Retriever-Mix, groß, mit breiten Schultern und einem grauen Maul.
Sein Fell war nicht verfilzt, aber auch nicht frisch gebürstet.
Er ging langsam, nicht krank, eher mit der schweren Würde eines Tieres, das viele Wege kennt.
Zwischen seinen Zähnen hielt er eine Blume.
Claire sah, wie er vor ihrer Tür anhielt.
Er senkte den Kopf.
Er legte die Blume auf die Matte.
Dann setzte er sich zurück und wartete.
Nicht bettelnd.
Nicht nervös.
Nicht wie ein Hund, der Futter suchte.
Er wartete, als hätte er eine Aufgabe erledigt und müsse nun nur noch sicher sein, dass die richtige Person sie erhalten hatte.
Claire spulte die Aufnahme zurück.
Sie sah sie noch einmal.
Und noch einmal.
Beim dritten Mal bemerkte sie, dass der Hund nicht zur Tür sprang, als sie auf dem Video öffnete.
Er wedelte nicht einmal richtig.
Er sah sie nur an.
Dann stand er auf und verschwand aus dem Bild.
Am dritten Morgen war Claire vor 7:10 Uhr wach und bereits im Flur.
Sie hasste, dass sie wartete.
Sie hasste noch mehr, dass ihr Herz schneller schlug, als draußen die ersten Krallen die Stufe berührten.
Durch die Kamera sah sie ihn kommen.
Diesmal trug er eine Butterblume.
Sie war am Stiel leicht geknickt, und Claire fragte sich unwillkürlich, wie lange er sie im Maul getragen hatte.
Als sie öffnete, saß er schon da.
Seine Augen waren dunkel und müde.
Er sah nicht verwahrlost aus.
Er hatte kein Halsband.
„Na du“, sagte Claire leise.
Der Hund blinzelte.
Er machte keinen Schritt vor.
Claire blieb im Türrahmen, die Bremsen ihres Rollstuhls festgestellt, die Blume zwischen ihnen.
„Gehörst du jemandem?“
Natürlich antwortete er nicht.
Aber er senkte den Kopf, als hätte er die Frage verstanden und als wäre die Antwort zu schwer.
In den nächsten Tagen wurde aus dem Rätsel eine Gewohnheit.
Um 7:10 Uhr kam der Hund.
Immer allein.
Immer mit einer Blume.
Mal war es ein Gänseblümchen, mal eine kleine weiße Blüte, mal etwas Gelbes, das Claire nicht kannte.
Er legte sie ab.
Er wartete.
Sie öffnete.
Er ging.
Die Pünktlichkeit war fast unheimlich.
Ein Mensch hätte verschlafen können.
Ein Mensch hätte den Weg vergessen, die Lust verloren, das Wetter als Ausrede genommen.
Dieser Hund nicht.
Als am siebten Morgen Regen gegen die Fenster schlug, dachte Claire, er würde nicht kommen.
Sie stellte trotzdem ihre Tasse an den Tisch.
Sie legte das Handy neben den Schlüsselbund.
Sie fuhr zur Tür und wartete.
Um 7:10 Uhr erschien er auf der Kamera, nass bis auf die Haut, eine weiße Blume zwischen den Zähnen.
Claire öffnete schneller als sonst.
„Du bist ja völlig durchnässt.“
Er blieb sitzen.
Wasser tropfte von seinem Fell auf die Stufe.
Die Blume legte er so vorsichtig ab wie jeden Morgen.
Claire griff nach einem Handtuch, das auf der kleinen Bank im Flur lag, und hielt es ihm hin.
Der Hund schnupperte daran.
Dann wich er einen Schritt zurück.
Nicht ängstlich.
Bestimmt.
Es war eine klare Grenze.
Claire verstand sie.
Sie legte das Handtuch nicht über ihn.
Sie sagte nur: „In Ordnung.“
Der Hund blieb noch einen Atemzug.
Dann ging er.
An diesem Tag arbeitete Claire kaum.
Sie hatte Aufträge zu erledigen, E-Mails zu beantworten, einen Ordner mit Rechnungen zu sortieren.
Aber immer wieder blickte sie zur Tür.
Immer wieder sah sie die nasse Blume auf der Fensterbank.
Etwas an diesem Tier fühlte sich nicht zufällig an.
Nicht, weil Hunde keine Blumen tragen konnten.
Sondern weil er es tat, als trage er eine Erinnerung.
Am zehnten Morgen versuchte sie, ihn zu füttern.
Sie stellte eine kleine Schale mit Hundefutter neben die Matte.
Der Hund kam um 7:10 Uhr.
Er legte die Blume ab.
Er sah die Schale.
Er roch daran.
Dann setzte er sich zurück und sah Claire an.
Er nahm keinen Bissen.
„Du willst nichts?“
Er wartete.
Claire spürte eine seltsame Scham, als hätte sie seine Absicht beleidigt.
Sie nahm die Schale wieder weg.
Er stand auf und ging.
Am elften Morgen stellte sie keine Schale mehr hin.
Sie wartete nur mit offener Tür.
Der Hund kam, legte eine Blume ab und sah sie länger an als sonst.
Da war keine Forderung in seinem Blick.
Nur eine Frage.
Claire war nicht sicher, ob sie sie beantworten konnte.
In dieser Nacht schlief sie schlecht.
Sie träumte vom Unfall, obwohl sie es seit Monaten nicht mehr getan hatte.
Scheinwerfer im Regen.
Der Geschmack von Blut.
Das Geräusch von Glas, das nicht aufhörte zu brechen.
Danach kamen Krankenhausflure, Formulare, Termine, fremde Hände an ihrem Körper, Stimmen, die über sie sprachen, als sei sie nicht mehr ganz im Raum.
Sie war achtunddreißig, aber manchmal fühlte sich der Unfall an wie eine zweite Geburt, nur ohne Feier.
Alles war danach anders gewesen.
Nicht nur ihr Körper.
Auch die Art, wie Menschen sie ansahen.
Manche wurden zu freundlich.
Manche wurden zu laut.
Manche redeten mit ihr, als müsste jedes Wort weich verpackt werden.
Claire hatte mit der Zeit gelernt, Klartext zu schätzen.
Nicht Härte.
Nur Wahrheit ohne Watte.
Dieser Hund brachte keine Erklärungen.
Er brachte jeden Morgen eine Blume und ließ ihr die Würde, selbst zu entscheiden, was sie damit tat.
Am vierzehnten Morgen war der Himmel klar.
Die Luft roch nach nassem Gras und kaltem Stein.
Claire saß schon im Flur, bevor die Kamera reagierte.
Auf dem kleinen Tisch neben ihr lagen ihr Handy, ihr Schlüsselbund und ein Notizzettel, auf dem sie nur eine Uhrzeit geschrieben hatte.
7:10.
Der Hund kam.
Diesmal trug er eine winzige Blüte, blassgelb und zart.
Er legte sie auf die Matte.
Claire öffnete.
Er sah sie an.
Dann ging er nicht sofort.
Zum ersten Mal blieb er stehen, nachdem sie die Tür geöffnet hatte.
Er drehte den Kopf zur Straße.
Dann sah er zurück.
Claire spürte, wie ihr Atem flacher wurde.
„Soll ich mitkommen?“
Der Hund bewegte sich nicht.
Aber sein Blick blieb auf ihr.
Das war Antwort genug.
Am nächsten Morgen änderte Claire ihren Ablauf.
Sie zog früher ihre Jacke an.
Sie legte die dünnen Handschuhe bereit, die sie nutzte, wenn die Greifreifen kalt waren.
Sie prüfte den Akku ihres Handys.
Sie nahm den Hausschlüssel vom Haken und steckte ihn in die Seitentasche ihres Rollstuhls.
Um 7:09 Uhr stand sie hinter der Tür.
Um 7:10 Uhr kam der Hund.
Eine weiße Blume hing zwischen seinen Zähnen.
Er legte sie ab.
Claire öffnete.
Diesmal sagte sie nicht guten Morgen.
Sie sagte: „Zeig es mir.“
Der Hund drehte sich um.
Und Claire folgte ihm.
Der Gehweg war an einigen Stellen uneben, und Claire musste die Räder vorsichtig über die kleinen Risse führen.
Der Hund passte sein Tempo an.
Er lief nie zu weit voraus.
An jeder Ecke hielt er an und sah zurück.
Nicht ungeduldig.
Nicht überfürsorglich.
Nur sichernd.
Als hätte er gelernt, dass manche Menschen mehr Zeit brauchen und dass Warten kein Verlust ist.
Claire sagte kein Wort.
Sie hörte den Verkehr in der Ferne, das Rollen ihrer Räder, das leichte Klimpern der Schlüssel in ihrer Tasche.
Drei Blocks später blieb der Hund vor einem kleinen Friedhof stehen.
Claire hielt an.
Ihr erster Gedanke war Ablehnung.
Nein.
Nicht das.
Doch der Hund ging bereits durch das Tor.
Er kannte den Weg.
Er zögerte nicht an den Abzweigungen.
Er führte sie über den Kiesweg, vorbei an alten Steinen, frischer Erde, kleinen Vasen und Sträußen, die der Wind schräg gedrückt hatte.
Claire musste langsamer werden, weil die Räder im Kies schwerer liefen.
Der Hund blieb stehen, bis sie wieder aufschloss.
Dann ging er weiter.
Schließlich hielt er vor einem Grab an, das noch neu war.
Die Erde war dunkler als ringsum.
Die Blumen darauf waren frischer, aber nicht alle.
Einige waren verwelkt.
Einige lagen sauber nebeneinander, trocken und dünn wie Papier.
Claire sah zuerst die Blumen.
Dann sah sie das Foto.
Es war an der Markierung befestigt, geschützt in einem kleinen Rahmen.
Darauf saß eine junge Frau in einem Rollstuhl.
Sie lachte in die Kamera.
Neben ihr lag derselbe Golden-Retriever-Mix, den Kopf auf ihren Knien, die Augen halb geschlossen vor Vertrauen.
Claire konnte nicht wegsehen.
Nicht von der Frau.
Nicht von dem Hund.
Nicht von der Art, wie vertraut dieses Bild wirkte.
Als hätte jemand einen Moment festgehalten, der nie hätte enden sollen.
Der Hund trat näher an den Stein.
Er legte die weiße Blume nicht sofort ab.
Er hielt sie noch im Maul und sah Claire an.
Da hörte sie Schritte auf dem Kies.
Ein älterer Mann kam den Weg entlang, eine schlichte Arbeitsjacke an, einen Schlüsselbund in der Hand, eine Mappe unter dem Arm.
Er blieb stehen, als er den Hund sah.
Sein Gesicht wurde weich und schwer zugleich.
„Ach“, sagte er. „Da bist du wieder.“
Claire drehte sich langsam zu ihm.
„Sie kennen ihn?“
Der Mann nickte.
Er sah zum Grab, dann zu Claire, dann zu dem Hund.
Es war einer dieser Augenblicke, in denen niemand eine höfliche Einleitung findet.
Man sagt dann besser die Wahrheit.
„Er gehörte ihr“, sagte der Mann.
Claire schluckte.
Der Satz passte zu dem Foto, und trotzdem traf er sie, als hätte er etwas geöffnet, das sie geschlossen halten wollte.
„Der Frau auf dem Bild?“
„Ja.“
Der Mann trat näher, aber nicht zu nah.
Er hielt Abstand, wie man es tut, wenn Trauer im Raum steht, auch wenn der Raum ein Friedhof unter freiem Himmel ist.
„Sie war fast jeden Morgen hier in der Gegend unterwegs. Mit ihm. Immer früh. Sehr pünktlich.“
Der Hund senkte den Kopf.
Die Blume bewegte sich zwischen seinen Zähnen.
„Er hat ihr Blumen gebracht“, sagte der Mann. „Schon seit Jahren. Auf ihren Spaziergängen. Er hat sie gefunden, aufgenommen, ihr vor die Füße gelegt. Sie hat jedes Mal gelacht.“
Claire sah wieder auf das Foto.
Die junge Frau lachte dort wirklich so, als wäre eine kleine Blume genug für einen ganzen Tag.
„Wann ist sie gestorben?“
Der Mann sah auf die Erde.
„Vor ungefähr einem Monat.“
Claire schloss die Augen.
Ein Monat.
Der Hund war also nicht streunend im üblichen Sinn.
Er war nicht verloren, weil er keinen Weg kannte.
Er war verloren, weil sein Ziel verschwunden war.
„Und er kommt immer noch her?“
„Fast jeden Tag“, sagte der Mann. „Manchmal morgens. Manchmal später. Aber die Blumen… die bringt er weiter.“
Claire sah die getrockneten Blüten vor dem Stein.
Sie lagen nicht durcheinander.
Sie lagen in einer kleinen Reihe, als hätte jemand versucht, das Chaos der Trauer in eine Form zu bringen.
Ordnung heilt nichts, dachte Claire.
Aber manchmal ist sie das Einzige, was eine Hand noch tun kann.
Der Hund trat zurück.
Dann wandte er sich Claire zu.
Langsam, sehr vorsichtig, kam er näher.
Sie hielt den Atem an.
Er legte die frische weiße Blume nicht auf das Grab.
Er legte sie auf ihren Schoß.
Claire rührte sich nicht.
Die Blume lag auf dem Stoff ihrer Jacke, hell und klein, und plötzlich verstand sie nicht alles, aber genug.
Der Hund hatte nicht einfach jemanden gesucht, der ihn fütterte.
Er hatte nicht nach einer offenen Tür gesucht.
Er hatte nach einer Person gesucht, bei der seine Liebe wieder einen Platz fand.
Nicht, weil Claire dieselbe war.
Nicht, weil ein Mensch ersetzbar wäre.
Sondern weil sein Herz nur wenige Dinge begriff.
Rollstuhl.
Morgen.
Blume.
Warten.
Zuhause.
Der Friedhofsgärtner zog die Mappe fester an sich.
Seine Augen glänzten.
„Es gibt niemanden, der ihn dauerhaft nehmen kann“, sagte er leise. „Ein Nachbar füttert ihn manchmal. Aber er läuft immer wieder los.“
Claire strich mit einem Finger über den Stiel der Blume.
Der Hund stand vor ihr und wartete.
Wie an ihrer Tür.
Wie jeden Morgen.
Nur dass sie jetzt wusste, dass sein Warten älter war als vierzehn Tage.
Sie dachte an ihr Haus.
An die breiten Wege.
An die Schale für Briefe und Quittungen.
An die leeren Vormittage, die sie sich nie als Einsamkeit eingestanden hatte, weil Einsamkeit zu groß klang und Claire große Worte mied.
Sie dachte an die Türmatte, auf der jetzt keine Blume lag.
Und sie dachte an das Foto auf dem Grab.
An diese Frau, die sie nicht kannte und deren Platz sie nicht nehmen konnte.
Genau deshalb durfte sie nicht so tun, als wäre es nur ein Hund.
„Wie heißt er?“ fragte Claire.
Der Mann sah sie an.
Dann sah er zum Hund.
„Das weiß ich nicht sicher“, sagte er. „Sie hat ihn meistens nur mein Guter genannt, wenn sie hier vorbeikam.“
Der Hund hob den Kopf, als hätte er den Ton erkannt.
Claire lächelte nicht.
Noch nicht.
Es wäre zu früh gewesen.
Manche Gefühle brauchen einen Moment, bevor sie ein Gesicht bekommen.
„Mein Guter“, sagte sie leise.
Der Hund trat einen Schritt näher.
Nicht aufdringlich.
Nicht stürmisch.
Er legte nur den Kopf an die Seite ihres Rollstuhls.
Claire hob die Hand.
Sie hielt kurz inne, weil sie sich an den siebten Morgen erinnerte, an das Handtuch, an seine Grenze.
Dann wartete sie.
Der Hund blieb.
Er wich nicht zurück.
Er erlaubte ihr, ihn zu berühren.
Ihre Finger sanken in das feuchte, warme Fell an seinem Kopf.
Es war kein dramatischer Moment.
Kein Wunder.
Kein großes Zeichen vom Himmel.
Nur ein alter Hund, eine Frau im Rollstuhl und eine Blume, die nicht wusste, ob sie zu den Lebenden oder zu den Toten gehörte.
Aber Claire wusste in diesem Moment, dass sie ihn nicht wieder allein die Straße entlanggehen lassen konnte.
Der Friedhofsgärtner öffnete die Mappe.
Darin lagen ein paar Blätter, eine Telefonnummer, eine Notiz, die offenbar schon mehrmals weitergereicht worden war.
Kein großes Verfahren.
Kein feierlicher Beschluss.
Nur praktische Fragen, wie sie das Leben stellt, wenn das Herz längst entschieden hat.
Claire machte ein paar Anrufe.
Sie sprach mit dem Nachbarn, der ihn gefüttert hatte.
Sie fragte nach seinem Verhalten, nach Krankheiten, nach alten Gewohnheiten.
Sie hörte zu, machte Notizen im Handy und blieb dabei auf dem Friedhof, weil der Hund sich nicht vom Grab entfernte.
Er lag nun neben dem Stein.
Nicht entspannt.
Wachend.
Als hätte er Angst, noch einmal zu gehen und wieder jemanden zu verlieren.
Am Nachmittag nahm Claire ihn mit nach Hause.
Der Weg zurück dauerte länger.
Nicht, weil der Hund langsam war.
Sondern weil Claire an jeder Ecke spürte, dass sich etwas verändert hatte.
Die Straße war dieselbe.
Die Bordsteine waren dieselben.
Die Risse im Gehweg waren dieselben.
Aber sie folgte nicht mehr einem Rätsel.
Sie ging mit einer Antwort nach Hause.
Vor ihrer Tür blieb der Hund stehen.
Er sah auf die Matte.
Dort lag keine Blume.
Claire holte die weiße Blume von ihrem Schoß und legte sie vorsichtig in die kleine Schale im Flur, neben den Schlüsselbund.
„Komm rein“, sagte sie.
Der Hund trat nicht sofort über die Schwelle.
Er sah sie an.
Claire verstand, dass auch er eine Grenze hatte.
Vielleicht war eine Tür für ihn nicht nur eine Tür.
Vielleicht war sie eine Erinnerung an eine Wohnung, in der jemand nicht mehr wartete.
Also fuhr Claire ein Stück zurück und gab ihm Raum.
Der Hund setzte eine Pfote hinein.
Dann die zweite.
Dann stand er im Flur und sah sich um.
Keine Freude im lauten Sinn.
Keine Befreiung.
Nur ein vorsichtiges Ankommen.
In den ersten Nächten schlief er nicht auf der Decke, die Claire für ihn gekauft hatte.
Er legte sich vor die Haustür.
Jedes Geräusch ließ ihn den Kopf heben.
Jedes Auto draußen ließ seine Ohren zucken.
Claire sagte nichts dazu.
Sie ließ eine kleine Lampe an.
Sie stellte Wasser bereit.
Sie schob die Schale für Briefe weiter nach links, damit dort Platz für Blumen war.
Am dritten Morgen in ihrem Haus wachte Claire um 7:03 Uhr auf.
Der Hund stand bereits an der Tür.
In seinem Maul war nichts.
Er sah sie an.
Claire zog ihre Jacke über, nahm die Handschuhe und öffnete.
Draußen fand er nach wenigen Minuten eine kleine Blume am Rand eines Grünstreifens.
Er pflückte sie vorsichtig.
Dann brachte er sie nicht sofort nach Hause.
Er sah Claire an.
Sie wusste, wohin er wollte.
Von da an wurde der Sonntag ihr Tag.
Nicht groß.
Nicht feierlich.
Nur still.
Claire und der Hund gingen morgens zum Friedhof.
Er brachte eine Blume.
Manchmal brachte er zwei.
Eine legte Claire vor das Grab der jungen Frau.
Die andere nahm sie mit nach Hause.
Wenn es regnete, fuhren sie trotzdem.
Wenn der Wind kalt war, zog Claire dickere Handschuhe an.
Wenn der Kies schwer unter den Rädern war, blieb der Hund stehen und wartete, ohne sich umzudrehen, weil er inzwischen wusste, dass sie kam.
Mit der Zeit wurde aus dem alten Ablauf ein neuer.
Um 7:10 Uhr stand er noch immer bereit.
Manchmal mit einer Blume, manchmal nur mit erwartungsvollen Augen.
Claire stellte ihre Tasse an die rechte Kante des Küchentischs.
Sie legte das Handy neben den Schlüsselbund.
Daneben lag nun oft ein Blütenstiel.
Nicht als Dekoration.
Als Beweis.
Liebe verschwindet nicht einfach, nur weil der Mensch, an den sie gerichtet war, nicht mehr antworten kann.
Sie sucht einen Weg.
Manchmal einen falschen.
Manchmal einen Umweg.
Manchmal steht sie vierzehn Tage lang vor einer fremden Tür, pünktlich um 7:10 Uhr, mit einer Blume im Maul.
Claire erzählte später selten die ganze Geschichte.
Nicht, weil sie sie geheim halten wollte.
Sondern weil manche Menschen zu schnell sagten, wie schön das sei.
Schön war nicht das richtige Wort.
Trauer war darin.
Verwirrung.
Verlust.
Auch die stille Grausamkeit, dass ein Tier nicht verstehen konnte, warum ein Mensch nicht mehr nach Hause kam.
Aber es war auch etwas anderes darin.
Eine Art Treue, die keine Erklärung brauchte.
Der Hund verstand den Tod nicht.
Er verstand keine Monate, keine Grabmarkierungen, keine Formulare, keine endgültigen Abschiede.
Er verstand nur, dass man morgens aufsteht.
Dass man eine Blume findet.
Dass man sie zu jemandem bringt, den man liebt.
Und wenn dort niemand mehr wartet, sucht man so lange weiter, bis die Liebe wieder irgendwo hingehen kann.