Ein Embryo, Drei Fruchthöhlen Und Ein Toter Spender-Ryan

Die Kinderwunschklinik sagte uns, unser einziger Embryo sei gescheitert.

Drei Wochen später war mein Schwangerschaftstest positiv.

Mein Mann sah nicht aus wie jemand, der gerade Hoffnung bekommen hatte.

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Er sah aus wie jemand, der Beweise suchte.

Die Nachricht von der Klinik war damals an einem Montag gekommen, pünktlich, sachlich, fast leise.

Wir saßen in einem Raum, der so sauber war, dass jede Bewegung zu laut wirkte.

Weiße Wände.

Ein heller Tisch.

Eine Uhr über der Tür.

Eine Mappe mit unseren Namen, unseren Terminen, unseren Unterschriften und diesem einen medizinischen Ablauf, den wir auswendig kannten, weil er unser ganzes Leben verschluckt hatte.

Der Arzt hatte die Hände ruhig auf dem Tisch liegen.

Er sagte, der Versuch sei leider nicht erfolgreich gewesen.

Der Embryo habe sich nicht weiterentwickelt.

Es tue ihm leid.

Mein Mann nickte einmal.

Ich erinnere mich an dieses Nicken, weil es zu ordentlich war.

Es war das Nicken eines Menschen, der nicht zusammenbrechen will, solange noch jemand zusieht.

Ich starrte auf den Transferbericht.

Dort stand alles in sauberer Reihenfolge.

Datum.

Uhrzeit.

Verfahren.

Ein Embryo.

Nur einer.

Unser einziger.

Auf der Heimfahrt sprachen wir nicht.

Der Regen lief über die Windschutzscheibe, dünn und gleichmäßig, und mein Mann fuhr genau nach Vorschrift, als könnte er durch Pünktlichkeit und Spurhalten verhindern, dass unser Leben auseinanderfiel.

Zu Hause standen noch zwei Gläser auf dem Küchentisch.

Daneben eine Flasche Sprudel, halb leer, und ein Brötchenbeutel vom Morgen.

Alles sah so normal aus, dass es weh tat.

Ich stellte die Mappe in das Regal neben den Schlüsseln.

Mein Mann hing seine Jacke auf, zog die Schuhe aus und stellte sie sauber nebeneinander.

Dann ging er ins Kinderzimmer.

Ich folgte ihm nicht sofort.

Dieses Zimmer war nie fertig gewesen.

Wir hatten bewusst nichts zu bunt gemacht, nichts zu endgültig.

Eine neutrale Wickelkommode.

Ein kleines Regal.

Ein Karton mit Bodys, noch gefaltet, noch mit Etiketten.

Ein Nachtlicht, das mein Mann einmal gekauft hatte und dann so tat, als sei es nur ein praktisches Angebot gewesen.

An diesem Abend stand er lange in der Tür.

Dann sagte er: „Wir schließen es erst mal ab.“

Ich nickte.

Damals dachte ich, er wolle mich schützen.

Heute weiß ich, dass er die Tür auch vor sich selbst schloss.

In den drei Wochen danach lebten wir wie Menschen, die in einer Wohnung mit einem unsichtbaren Riss wohnen.

Wir gingen arbeiten.

Wir kauften ein.

Wir zahlten Rechnungen.

Wir brachten Pfandflaschen zurück, weil auch Trauer die Automaten nicht füllt.

Wir hielten Feierabend ein, als wäre private Ruhe eine Regel, die uns retten könnte.

Abends saßen wir beim Abendbrot, aßen kaum und sagten Dinge wie „Morgen wird es besser“ oder „Wir müssen erst schlafen“.

Mein Mann war nicht kalt.

Das machte es später schlimmer.

Er war praktisch.

Er stellte mir Tee hin.

Er fragte, ob ich Kopfschmerzen hatte.

Er legte die Hand kurz auf meine Schulter, aber nie lange.

Es war eine vorsichtige Nähe, als hätte unser Verlust eine neue soziale Distanz zwischen uns gestellt.

Vor der Kinderwunschbehandlung waren wir ein Team gewesen.

Nicht perfekt, aber zuverlässig.

Er war der Mensch, der alle Termine in den Kalender eintrug und trotzdem zehn Minuten zu früh im Auto saß.

Ich war diejenige, die die Beipackzettel las und die Spritzen nach Uhrzeit sortierte.

Wir stritten selten, und wenn, dann direkt.

Klartext, dann Ruhe.

So funktionierten wir.

Oder ich hatte geglaubt, dass wir so funktionierten.

Am Morgen des positiven Tests war ich früher wach als sonst.

Es war noch grau draußen.

Der Boden im Bad war kalt.

Ich machte den Test nicht, weil ich Hoffnung hatte.

Ich machte ihn, weil mein Körper sich nicht an die Diagnose hielt.

Ich war müde.

Mir war übel.

Meine Brust schmerzte.

Ich wollte einen negativen Test sehen, damit mein Kopf endlich aufhörte, heimlich zu rechnen.

Der erste Streifen erschien schnell.

Dann der zweite.

Ich blieb auf dem geschlossenen Toilettendeck sitzen und sah ihn an.

Vielleicht war er defekt.

Ich machte einen zweiten.

Dann einen dritten.

Alle drei sagten dasselbe.

Positiv.

Ich legte sie auf den Rand des Waschbeckens, exakt nebeneinander.

Es sah aus wie eine kleine Beweisreihe.

Mein Mann war im Flur und suchte seine Uhr.

Ich hörte die Schublade.

Ich hörte die Schlüssel.

Ich hörte, wie er leise fluchte, weil er fünf Minuten später dran war als geplant.

Dann stand ich in der Badezimmertür.

„Ich muss dir etwas zeigen.“

Er sah zuerst auf meine Hand.

Dann an mir vorbei ins Bad.

Als er die Tests sah, wurde sein Gesicht leer.

Nicht glücklich.

Nicht verwirrt.

Leer.

„Was ist das?“

„Positiv.“

„Nein.“

„Doch.“

Er ging näher, aber nicht zu mir.

Zu den Tests.

Er nahm keinen davon in die Hand.

Er sah sie nur an, als könnten sie ihn beschmutzen.

„Die Klinik hat gesagt, es ist vorbei.“

„Deshalb rufe ich dort an.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Ich weiß.“

Er drehte den Kopf langsam zu mir.

In diesem Blick war etwas, das ich nicht kannte.

Nicht Schmerz.

Misstrauen.

„Wann?“ fragte er.

„Wann was?“

„Wann warst du mit ihm zusammen?“

Der Satz kam so nüchtern, dass ich ihn erst nicht verstand.

Dann wurde mir kalt.

„Mit wem?“

Er lachte kurz, aber nicht wirklich.

„Bitte. Mach es nicht noch schlimmer.“

Ich griff nach der Kommode im Flur, weil meine Beine weich wurden.

„Du glaubst, ich habe dich betrogen?“

„Ich glaube, die Klinik hat einen negativen Test gemeldet und du stehst drei Wochen später mit drei positiven Tests im Bad.“

„Dann ist bei der Klinik etwas passiert.“

„Oder bei dir.“

Das war der Moment, in dem etwas zwischen uns riss.

Nicht laut.

Nicht spektakulär.

Nur endgültig.

Ich nahm mein Handy, um die Klinik anzurufen.

Er ging ins Kinderzimmer.

Zuerst dachte ich, er brauche Luft.

Dann hörte ich die Schublade.

Nicht geöffnet.

Herausgerissen.

Ich lief den Flur hinunter.

Er stand vor der Wickelkommode und hatte die erste Schublade auf den Boden geworfen.

Winzige Kleidungsstücke lagen auf dem Laminat.

Weiße Bodys.

Ein grauer Strampler.

Socken, so klein, dass ich früher immer lächeln musste, wenn ich sie sah.

„Hör sofort auf.“

Er zog die zweite Schublade heraus.

„Sag die Wahrheit.“

„Ich sage die Wahrheit.“

„Aus nichts entsteht kein Kind.“

„Es war nicht nichts. Es war ein Embryo. Unser Embryo.“

„Der gescheitert ist.“

Er sagte es wie ein Urteil.

Dann kippte er den Karton mit den Bodys um.

Das Geräusch war nicht laut, aber es war hässlich.

Ordnung fiel auseinander.

Etiketten, Stoff, Papier, alles durcheinander.

Ich stellte mich zwischen ihn und die Kommode.

Er wich zurück, als hätte ich ihn angefasst, obwohl ich es nicht hatte.

„Fass mich nicht an.“

„Ich fasse dich nicht an.“

„Dann erklär es.“

„Ich kann es nicht erklären, bevor die Klinik es erklärt.“

Er sah an mir vorbei ins Schlafzimmer.

Dann ging er hinüber, packte meinen Wäschekorb und zog ihn in den Flur.

„Was machst du?“

Er antwortete nicht.

Er öffnete die Balkontür.

Draußen regnete es noch immer, kalt und schmal, wie an dem Tag der Diagnose.

Er warf den ersten Pullover hinaus.

Dann eine Hose.

Dann Unterwäsche.

Dann die Kleidung vom Stuhl neben dem Bett.

Alles landete auf den nassen Fliesen.

Ich stand da und sah zu, weil mein Kopf den Ablauf nicht schnell genug verstand.

„Du wirfst meine Sachen raus?“

„Du hast unsere Ehe rausgeworfen.“

„Nein.“

„Mit wem?“

„Niemand.“

„Sag seinen Namen.“

„Es gibt keinen Namen.“

Er drehte sich um.

Seine Hände zitterten jetzt, aber seine Stimme blieb leise.

„Dann wird die Klinik morgen bestätigen, dass du lügst.“

Das war das Erschreckende.

Er wollte nicht wissen, was passiert war.

Er wollte ein Protokoll, das ihn berechtigte, mich zu verurteilen.

Ich rief die Klinik an.

Die Frau am Telefon hörte mir zu, stellte zwei Fragen und wurde dann sehr still.

Sie sagte, ich solle am nächsten Morgen kommen.

Nüchtern müsse ich nicht sein.

Alle Unterlagen solle ich mitbringen.

„Auch den Transferbericht?“ fragte ich.

„Alles“, sagte sie.

Mein Mann stand hinter mir.

Als ich auflegte, fragte er: „Uhrzeit?“

„Acht Uhr.“

„Wir fahren um sieben dreißig.“

Selbst jetzt.

Selbst in dieser Zerstörung.

Pünktlichkeit blieb für ihn ein Rest Kontrolle.

Ich schlief kaum.

Meine Kleidung blieb auf dem Balkon, bis sie schwer vor Nässe war.

Irgendwann holte ich sie selbst herein, wrang sie in der Badewanne aus und legte sie über den Wäscheständer.

Mein Mann half nicht.

Er schlief auch nicht.

Ich hörte ihn im Wohnzimmer auf und ab gehen.

Jedes Mal, wenn er am Kinderzimmer vorbeikam, blieb er kurz stehen.

Am Morgen zog ich die trockenste Hose an, die ich finden konnte.

Meine Schuhe waren feucht.

Ich packte die Mappe.

Transferbericht.

Blutwerte.

Anrufnotiz.

Drei Schwangerschaftstests in einem Gefrierbeutel.

Mein Mann nahm den Autoschlüssel vom Haken.

Wir sprachen auf der Fahrt nicht.

Vor der Klinik waren wir zu früh.

Natürlich waren wir zu früh.

Im Wartebereich setzte er sich nicht neben mich.

Ein Stuhl blieb zwischen uns frei.

Dann noch einer, weil er seine Jacke darauf legte.

So viel Abstand braucht man nicht für eine Jacke.

Man braucht ihn für ein Urteil.

Ich hielt die Mappe auf meinem Schoß fest.

Die Kanten drückten in meine Finger.

An der Wand hing ein Bildschirm mit Terminen.

Menschen kamen und gingen, leise, vorsichtig, jeder mit seiner eigenen Hoffnung oder seiner eigenen schlechten Nachricht.

Eine Frau gegenüber sah kurz auf meinen Gefrierbeutel mit den Tests und dann weg.

Das war höflich.

Das machte es nicht weniger demütigend.

Um 08:12 rief uns die Arzthelferin auf.

Mein Mann stand sofort auf.

Nicht wie ein Ehemann.

Wie ein Zeuge.

Im Untersuchungsraum roch es nach Desinfektionsmittel, Papier und warmem Plastik.

Der Arzt begrüßte uns mit „Guten Morgen“, aber sein Blick fiel direkt auf die Mappe.

Er kannte den Fall schon.

Das sah ich an seinem Gesicht.

Nicht alles.

Aber genug, um vorsichtig zu sein.

„Wir machen zuerst den Ultraschall“, sagte er.

Ich zog mich mechanisch um.

Mein Mann blieb am Fenster stehen, die Arme verschränkt.

Er fragte nicht, ob ich Hilfe brauchte.

Er fragte den Arzt: „Kann ein Test drei Wochen nach einem gescheiterten Transfer positiv sein?“

Der Arzt sah ihn an.

„Wir schauen jetzt erst einmal.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Doch“, sagte der Arzt ruhig. „Für den Moment ist es die einzige sinnvolle Antwort.“

Klartext.

Mein Mann schwieg.

Ich legte mich auf die Liege.

Das Papier unter mir knisterte.

Die Uhr über dem Bildschirm zeigte 08:17.

Der Arzt begann die Untersuchung.

Auf dem Monitor erschien dieses graue, flackernde Bild, das für Außenstehende wie Nebel aussieht und für Menschen wie uns wie ein ganzes Universum.

Ich suchte nach nichts.

Ich wollte nur, dass jemand sagte, was wahr war.

Dann sah ich den ersten dunklen Kreis.

Der Arzt bewegte das Gerät kaum.

Seine Stirn veränderte sich.

Nicht viel.

Aber genug.

Er stellte das Bild schärfer.

Ein zweiter dunkler Kreis erschien.

Mein Mann stieß hörbar Luft aus.

„Was ist das?“

Der Arzt antwortete nicht.

Er bewegte die Hand wieder.

Dann erschien der dritte.

Drei.

Drei Fruchthöhlen.

Ich verstand das Bild nicht sofort.

Oder ich wollte es nicht verstehen.

Ein Embryo war eingesetzt worden.

Ein Versuch war gescheitert.

Ein Test war positiv.

Aber der Bildschirm zeigte drei Anfänge.

Drei stille, dunkle Formen, nebeneinander im Grau.

Mein Mann trat einen Schritt zurück.

Der Stuhl hinter ihm scharrte über den Boden.

„Nein“, sagte er.

Niemand sprach.

Die Arzthelferin im Raum legte die Hand auf den Rand des Wagens.

Der Arzt nahm das Gerät weg und zog meine Mappe heran.

Er blätterte nicht hektisch.

Das wäre leichter gewesen.

Er blätterte langsam.

Sorgfältig.

Als wüsste er, dass jede Seite gefährlich werden konnte.

Er fand den Transferbericht.

Las ihn.

Sah auf den Bildschirm.

Las ihn noch einmal.

Dann nahm er die zweite Seite aus der Hülle.

Ich hatte sie vorher nie richtig angesehen.

Für uns waren die großen Dinge wichtig gewesen.

Termin.

Einsetzung.

Ergebnis.

Aber dort standen weitere Zeilen.

Freigabe.

Spendervermerk.

Status.

Der Arzt hielt inne.

Mein Mann sah es auch.

„Was steht da?“ fragte er.

Der Arzt antwortete nicht sofort.

Er prüfte die Nummer oben rechts.

Dann die Uhrzeit.

Dann die Unterschrift.

Dann zog er ein zweites Blatt hervor, verglich beide und wurde blass.

Es war kein dramatisches Erbleichen wie in Filmen.

Es war schlimmer.

Es war ein Mensch, der beruflich gelernt hatte, ruhig zu bleiben, und dem diese Ruhe gerade aus dem Gesicht lief.

„Bitte sagen Sie etwas“, sagte ich.

Meine Stimme klang klein.

Der Arzt sah auf den Bildschirm.

Dann auf die Akte.

Dann auf meinen Mann.

„Diese Klinik hat nur einen Embryo eingesetzt.“

Mein Mann sagte sofort: „Dann kann das nicht sein.“

„Doch“, sagte der Arzt.

„Wie?“

Der Arzt schluckte.

„Das ist genau die Frage.“

Mein Mann zeigte auf mich.

„Also?“

Diesmal wurde der Arzt schärfer.

„Nehmen Sie den Finger runter.“

Der Raum fror ein.

Mein Mann ließ die Hand sinken, aber sein Gesicht blieb hart.

Der Arzt drehte die Akte ein Stück zu sich zurück.

„Ich sage jetzt nur, was ich anhand der Unterlagen sehe.“

Er atmete ein.

„Der Transferbericht dokumentiert einen eingesetzten Embryo.“

Er tippte auf die Zeile.

„Nur einen.“

Dann glitt sein Finger tiefer.

„Der zugehörige Spenderstatus ist hier als verstorben vermerkt.“

Ich hörte die Worte.

Ich verstand sie nicht.

Verstorben.

Spenderstatus.

Ein Embryo.

Drei Fruchthöhlen.

Mein Mann machte einen Laut, der fast ein Lachen war.

„Das ist unmöglich.“

Der Arzt sah ihn direkt an.

„Unmöglich ist kein medizinischer Befund.“

Wieder Klartext.

Wieder Stille.

Ich lag noch immer auf der Liege, die Knie weich, die Hände kalt, und plötzlich war die Frage meines Mannes kleiner geworden.

Mit wem?

Sie war immer noch grausam.

Aber sie war nicht mehr die einzige Frage im Raum.

Jetzt gab es andere.

Warum drei?

Warum positiv nach einem angeblichen Scheitern?

Warum ein Vermerk über einen toten Spender?

Warum hatte niemand angerufen, bevor ich selbst mit drei Tests im Bad stand?

Der Arzt zog die Mappe langsam von uns weg.

Nicht grob.

Vorsichtig.

Als wäre sie kein Papier mehr, sondern Beweismaterial.

„Ich brauche die vollständige Akte“, sagte er zur Arzthelferin.

Sie nickte, aber sie bewegte sich nicht sofort.

Auch sie starrte auf den Bildschirm.

Drei dunkle Kreise.

Drei Möglichkeiten.

Drei Fehler, oder ein Wunder, oder etwas, wofür ich noch keinen Namen hatte.

Mein Mann setzte sich auf den Stuhl.

Nicht, weil er ruhig wurde.

Weil seine Beine nachgaben.

Zum ersten Mal sah er mich an, ohne Anklage.

Aber was an ihre Stelle trat, war nicht Liebe.

Es war Angst.

„Ich habe dich gefragt, mit wem“, sagte er leise.

Ich sah ihn an.

„Ja.“

Er schluckte.

„Ich habe deine Sachen rausgeworfen.“

„Ja.“

„Ich dachte…“

„Ich weiß, was du dachtest.“

Mehr sagte ich nicht.

Nicht dort.

Nicht vor dem Arzt.

Nicht mit dem Bildschirm neben mir und der Mappe auf dem Tisch.

Manche Sätze verdienen keine sofortige Vergebung, nur weil ein neuer Schock größer ist.

Die Arzthelferin kam zurück.

In ihrer Hand lag ein weiterer Ausdruck.

Er war nicht in einer Mappe.

Nur ein einzelnes Blatt.

Die Kante war leicht gebogen, als hätte sie es zu fest gehalten.

Der Arzt nahm es entgegen.

Sein Blick ging über die Zeilen.

Dann wurde seine Hand ganz still.

„Was ist das?“ fragte mein Mann.

Der Arzt antwortete nicht.

Er legte den neuen Ausdruck neben den Transferbericht.

Zwei Blätter.

Zwei Uhrzeiten.

Derselbe Termin.

Ich sah die Zahlen nicht richtig, weil meine Augen brannten.

Aber ich sah genug, um zu merken, dass der Arzt nicht mehr nur verwirrt war.

Er war alarmiert.

„Wir müssen das sofort intern klären“, sagte er.

„Intern?“ fragte mein Mann.

Das Wort klang plötzlich viel zu klein.

Intern war ein Druckerproblem.

Intern war ein verlegter Schlüssel.

Intern war nicht drei Fruchthöhlen auf einem Bildschirm und ein Spender, der angeblich tot war.

Der Arzt sah zu mir.

„Sie bleiben bitte erreichbar. Und Sie unterschreiben heute nichts, was Sie nicht vollständig gelesen haben.“

Mein Mann stand auf.

„Was heißt das?“

Der Arzt sah ihn nicht an.

Er sah mich an.

„Es heißt, dass wir jetzt jeden Schritt dokumentieren.“

Dann nahm er einen Stift und schrieb die aktuelle Uhrzeit auf den Ausdruck.

08:23.

So einfach sah der Moment aus, in dem aus unserer privaten Katastrophe etwas wurde, das Papier brauchte.

Ich setzte mich langsam auf.

Die Arzthelferin reichte mir ein Tuch.

Ihre Hand zitterte leicht.

Mein Mann wollte näherkommen.

Ich hob die Hand.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Nur klar.

Er blieb stehen.

Der Abstand zwischen uns war jetzt keine zufällige Lücke mehr.

Er war eine Grenze.

Der Arzt schob mir die Mappe nicht zurück.

Stattdessen legte er eine Kopie des Ultraschallbildes in eine neue Hülle.

Drei Fruchthöhlen.

Datum.

Uhrzeit.

Mein Name.

Kein Gefühl der Welt war stark genug, um diese Ordnung zu übertönen.

Und genau deshalb machte sie mir Angst.

Denn wenn alles ordentlich dokumentiert war, wenn jede Uhrzeit stimmte, wenn jeder Bericht eine Nummer hatte, dann konnte jemand nicht einfach sagen, es sei ein Missverständnis.

Dann musste irgendwo eine Zeile falsch sein.

Oder jemand hatte gewusst, was dort stand.

Mein Mann flüsterte meinen Namen.

Ich reagierte nicht.

Der Arzt nahm das Telefon.

Er wählte.

Wartete.

Dann sagte er mit einer Stimme, die keine Diskussion zuließ: „Ich brauche die Originalfreigabe des Transfers von diesem Datum. Sofort. Und prüfen Sie die Spenderakte. Nicht später. Jetzt.“

Er hörte zu.

Sein Gesicht veränderte sich wieder.

„Nein“, sagte er.

Eine Pause.

„Dann holen Sie die Archivkopie.“

Noch eine Pause.

„Weil ich hier eine Patientin mit drei Fruchthöhlen habe und einen Bericht, der einen einzigen Transfer ausweist.“

Mein Mann griff nach der Stuhllehne.

Ich sah auf die Kopie des Ultraschalls.

Drei dunkle Kreise.

So still.

So eindeutig.

So unmöglich.

Der Arzt legte nicht auf.

Er hörte weiter zu.

Dann fragte er sehr langsam: „Wer hat die zweite Freigabe eingetragen?“

Die Arzthelferin presste die Hand an den Mund.

Mein Mann drehte sich zu ihr.

Ich drehte mich zum Arzt.

Und in diesem Moment wusste ich, dass die schlimmste Anschuldigung des Morgens nicht mehr die meines Mannes war.

Die schlimmste Anschuldigung lag in einer Akte.

Der Arzt senkte den Blick auf den neuen Ausdruck.

Dann sagte er: „Das kann nicht von ihr unterschrieben worden sein.“

Mein Herz schlug so hart, dass mir übel wurde.

„Warum nicht?“ fragte ich.

Er sah mich an.

Zum ersten Mal wirkte er nicht nur vorsichtig.

Er wirkte erschrocken.

„Weil diese Unterschrift auf eine Uhrzeit datiert ist, zu der Sie nach unseren Unterlagen gar nicht mehr im Gebäude waren.“

Mein Mann sagte meinen Namen noch einmal.

Diesmal klang er nicht wütend.

Es klang, als würde er fallen.

Ich sah nicht zu ihm.

Ich sah auf das Blatt.

Auf die Uhrzeit.

Auf die Mappe, die plötzlich schwerer war als alles, was ich in den letzten Jahren getragen hatte.

Draußen im Flur piepte ein Gerät.

Jemand lachte kurz, weit weg, ahnungslos.

Im Raum rührte sich niemand.

Der Arzt sagte leise: „Wir müssen jetzt herausfinden, wer an diesem Tag noch Zugriff auf Ihre Akte hatte.“

Und genau da öffnete sich die Tür noch einmal.

Eine zweite Mitarbeiterin stand im Rahmen.

In ihrer Hand lag ein versiegelter Umschlag.

Sie sah erst den Arzt an.

Dann mich.

Dann meinen Mann.

Und bevor sie ein Wort sagte, erkannte ich an ihrem Gesicht, dass dieser Umschlag nicht erklären würde, warum drei Fruchthöhlen auf dem Bildschirm waren.

Er würde erklären, warum niemand gewollt hatte, dass wir noch einmal in diese Klinik zurückkommen.

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