Nach Der Beerdigung Bewachte Der Hund Den Schrank Meiner Frau-Ryan

Der Hund fing nach der Beerdigung an, im Kleiderschrank meiner Frau zu schlafen, und als ich meine Tochter zusammengerollt neben ihm fand, griff ich nicht mehr nach der Leine.

Das war nicht mein erster Instinkt.

Mein erster Instinkt war Nein.

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Nein zu Maple, weil Hunde nicht in Kleiderschränken schlafen.

Nein zu Lucy, weil Kinder nicht nachts aus dem Bett steigen und sich zwischen Kleider legen.

Nein zu diesem ganzen stillen Wahnsinn, der sich nach Annas Tod in unserem Haus breitgemacht hatte, obwohl ich jeden Morgen aufstand, die Tassen spülte, die Post sortierte und so tat, als könne Ordnung ein Loch im Leben kleiner machen.

Ich heiße Daniel Mercer.

Damals war ich siebenunddreißig Jahre alt, noch jung genug, dass die Leute nicht wussten, wie sie mein Gesicht lesen sollten, und alt genug, um zu begreifen, dass ein Kind nicht nur eine Mutter verliert, sondern auch die Version des Vaters, die es vorher kannte.

Ich trug meinen Ehering weiter.

Nicht aus Trotz.

Nicht, weil ich die Wahrheit nicht verstand.

Ich trug ihn, weil meine Hand ohne ihn falsch aussah, als hätte jemand ein Möbelstück aus einem Zimmer genommen und erwartet, dass man nicht über die leere Stelle stolpert.

Anna war im Februar gestorben.

Der Arzt sagte Gehirnaneurysma.

Er sagte es ruhig, mit einem Ton, der nicht kalt war, aber geübt, als hätte seine Stimme gelernt, aufrecht zu stehen, wenn alle anderen Dinge zusammenbrachen.

Am Morgen hatte Anna noch in Wollsocken in der Küche gestanden.

Sie hatte Müsli in Lucys Schüssel gegossen, den Karton zweimal auf den Rand geklopft und dabei dieses kleine Geräusch gemacht, das Lucy immer zum Lachen brachte.

Auf dem Tisch stand eine halbvolle Flasche Sprudel, weil Anna nie stilles Wasser mochte.

Neben der Spüle lag ein Geschirrtuch, sauber gefaltet, so wie sie es mochte.

Der Wandkalender zeigte noch denselben Tag, und auf dem Flur lagen Maples Leine und Lucys kleine Schuhe ordentlich nebeneinander.

Am Abend saß ich unter Krankenhauslicht.

Dieses Licht war zu hell für einen Abschied.

Es ließ jede Falte im Laken sichtbar werden, jede Ader auf Annas Hand, jeden Punkt auf dem Formular, das ich nicht lesen konnte, weil die Buchstaben immer wieder verschwammen.

Ich hielt ihre Finger.

Ich wartete auf einen Druck.

Ich wartete so lange, dass mein eigener Arm taub wurde.

Aber ihre Hand drückte nicht zurück.

Nach der Beerdigung änderte sich unser Haus nicht auf einmal.

Es war keine Tür, die zuschlug.

Es war eher wie ein Tropfen in der Wand, den man zuerst nicht hört und dann irgendwann überall sieht.

Ihre Kaffeetasse blieb neben der Spüle stehen.

Nicht, weil ich sie vergessen hatte.

Ich sah sie jeden Tag.

Ich sah sie morgens, wenn ich Lucy Brot machte.

Ich sah sie abends, wenn ich den Wasserkocher anschaltete und dann wieder ausschaltete, weil ich gar keinen Tee wollte.

Ich sah sie, wenn ich Besuch bekam und jemand mit diesem vorsichtigen Gesicht sagte, ob ich vielleicht Hilfe beim Aufräumen bräuchte.

Ich sagte immer nein.

Nicht scharf.

Nur direkt.

Nein, danke.

Ich komme zurecht.

Das war gelogen, aber es war eine ordentliche Lüge, und ordentliche Lügen halten manchmal länger, als sie sollten.

Annas Regenmantel hing am Haken bei der Hintertür.

Die Kapuze war nach innen geschlagen.

Ein Ärmel berührte die Wand.

Ihre Lesebrille lag aufgeklappt auf der Sofalehne, auf das Buch gerichtet, das sie halb gelesen hatte.

Manchmal nahm ich das Buch in die Hand und legte es wieder hin, weil ich Angst hatte, die Seite zu verlieren, auf der sie aufgehört hatte, Teil dieser Welt zu sein.

Der Kleiderschrank bewahrte am meisten von ihr.

Wenn ich die Tür öffnete, roch es nach Baumwolle, Lavendelseife und Zedernholz.

Es roch nicht wie ein Grab.

Das war das Schlimme.

Es roch wie Montagmorgen.

Es roch wie ein Mensch, der gleich aus dem Bad kommt, eine Strickjacke nimmt und fragt, ob Lucy schon ihre Mütze gefunden hat.

Da hing die grüne Strickjacke, die Anna beim Abholen aus dem Kindergarten getragen hatte.

Ich konnte noch sehen, wie Lucy damals über den Hof gerannt war, mit zu locker gebundenen Schuhen und Haaren im Gesicht.

Sie war gegen Anna geprallt, so fest, dass Annas Tasche zur Seite rutschte.

Anna hatte gelacht, dieses kurze, helle Lachen, das nicht um Erlaubnis bat.

Manche Erinnerungen sind freundlich, bis man sie nach einem Tod wieder anfassen muss.

Dann schneiden sie.

Maple fand den Schrank zuerst.

Er war Annas Golden Retriever, acht Jahre alt, honiggoldenes Fell, samtige Ohren, an den Rändern dunkler, und eine dünne halbmondförmige Narbe über der Schnauze.

Die Narbe kam von einem Tennisball, einem Rosenzaun und Maples völliger Unfähigkeit, vor Begeisterung langsamer zu werden.

Anna hatte ihn immer ihren höflichsten Jungen genannt.

Er drängte nie an der Tür.

Er nahm Futter vorsichtig aus der Hand.

Er legte den Kopf schief, wenn Lucy ihm erzählte, dass ihre Puppen heute krank seien und er im Wohnzimmer leise laufen müsse.

Maple hatte sein ganzes Leben am Fußende unseres Bettes geschlafen.

Nicht auf Annas Seite.

Nicht auf meiner.

Am Fußende, wie ein ruhiger Wachposten.

In den Nächten nach der Beerdigung stand er dort noch eine Weile.

Er starrte auf die Stelle, an der Annas Füße hätten sein müssen.

Dann drehte er sich um.

Er ging zu ihrer Seite des Bettes.

Er stupste die Schranktür mit der Nase an, nicht hart, nur geduldig.

Beim ersten Mal dachte ich, er suche etwas.

Vielleicht einen Schuh.

Vielleicht einen Geruch.

Vielleicht genau das, was wir alle suchten und nicht benennen konnten.

Die Tür ging einen Spalt auf.

Maple drückte weiter.

Dann trat er hinein.

Er drehte sich einmal zwischen Kleidern und Pullovern.

Er senkte die Schnauze in den Saum von Annas blauem Morgenmantel.

Dann legte er sich hin.

Ich stand neben dem Bett und sah ihm zu.

Der kleine Wecker auf Annas Nachttisch zeigte 22:41 Uhr.

Alles war still.

Ich hätte ihn rufen können.

Ich hätte sagen können, dass das nicht geht.

Ein Hund im Schrank war unpraktisch, unhygienisch, falsch.

Aber nichts an unserem Haus war noch richtig, und ich hatte nicht die Kraft, ausgerechnet bei Maple anzufangen.

Am nächsten Abend tat er es wieder.

Am dritten auch.

Am vierten Abend wartete er, bis Lucy schlief, und ging dann ohne einen Blick zu mir in den Schrank.

Am fünften Abend griff ich nach seinem Halsband.

Nicht grob.

Ich wollte nur wieder eine Regel haben.

Eine kleine Regel.

Eine Tür, die geschlossen blieb.

Ein Bett, das ein Bett war.

Ein Schrank, der ein Schrank war.

„Komm raus, Maple“, sagte ich.

Er bewegte sich nicht.

Ich zog leicht.

Er knurrte nicht.

Maple hatte nie in seinem Leben einen Menschen angeknurrt.

Er hob nur den Kopf und sah mich an.

Seine Augen waren dunkelbraun und schwer, als hätte er Dinge verstanden, für die mir die Sprache fehlte.

Dann legte er eine Pfote auf Annas Morgenmantel.

Es war keine Drohung.

Es war ein Nein.

Ein ruhiges, eindeutiges Nein.

Ich ließ das Halsband los.

„Gut“, sagte ich, obwohl nichts gut war.

Von diesem Abend an blieb Maple im Schrank.

Ich tat so, als hätte ich die Entscheidung getroffen.

In Wahrheit hatte ich kapituliert.

Manchmal stand ich nachts auf und sah nach ihm.

Der Flur war dann kühl.

Die Dielen knackten an derselben Stelle.

Im Schlafzimmer roch es nach Staub, Waschmittel und diesem dünnen Rest von Anna, den ich nie bewusst einatmen wollte und doch immer suchte.

Maple lag im Dunkeln.

Sein Atem ging langsam.

Manchmal träumte er und bewegte eine Pfote.

Manchmal hob er den Kopf, bevor ich die Tür ganz erreicht hatte, als hätte er mich schon gehört, als ich noch nicht wusste, dass ich unterwegs war.

Lucy sagte wenig über den Schrank.

Das machte es schlimmer.

Sechsjährige stellen sonst Fragen, die Erwachsene in die Ecke treiben.

Warum kommen Menschen nicht zurück.

Ob Mama jetzt friert.

Ob der Himmel weit weg ist.

Ob Hunde Mama besser riechen können als wir.

Lucy fragte fast nichts.

Sie aß weniger.

Sie malte Anna ohne Füße, immer schwebend, immer mit einem grünen Oberteil.

Sie stellte ihre Zahnbürste neben Annas alte, obwohl ich Annas Zahnbürste in eine Schublade gelegt hatte.

Am Frühstückstisch bewegte sie ihre Cornflakes mit dem Löffel, bis sie weich wurden.

Wenn ich fragte, ob alles in Ordnung sei, nickte sie.

Kinder lernen schnell, welche Antworten Erwachsene nicht aushalten.

Zwei Wochen nach Maples Umzug in den Schrank wachte ich nachts auf.

Ich weiß nicht, was mich geweckt hatte.

Kein Geräusch.

Kein Ruf.

Vielleicht war es das Fehlen von Geräuschen.

Eine Wohnung mit einem Kind hat selbst im Schlaf ein Gewicht.

Ein leises Atmen hinter der Tür.

Ein Rascheln der Decke.

Ein Stoß gegen die Wand.

In dieser Nacht war da nichts.

Der Wecker zeigte 1:17 Uhr.

Die Zahlen standen grün und scharf im Dunkeln.

Ich blieb einen Moment liegen und wartete darauf, dass mein Herz vernünftig wurde.

Dann stand ich auf.

Der Boden war kalt.

Ich ging zuerst zu Lucys Zimmer.

Ihre Tür stand offen.

Das Nachtlicht brannte.

Auf ihrem Bett lag die Decke zurückgeschlagen, das kleine Kissen fehlte, und ihr Stoffkaninchen lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Laken.

Ich sagte ihren Namen nicht laut.

Ich hatte Angst, dass das Haus antworten würde.

Ich ging in den Flur.

Maples Platz am Fußende meines Bettes war leer, wie immer jetzt.

Die Schlafzimmertür war nicht ganz geschlossen.

Ein Streifen Licht aus dem Flur fiel auf den Teppich.

Ich drückte die Tür weiter auf.

Der Kleiderschrank stand offen.

Und da war sie.

Lucy lag im Schrank, so klein zwischen Annas Kleidern, dass ich zuerst nur ihr Haar sah.

Sie hatte ihr Kissen zwischen Maples Vorderbeine gezogen.

Ihr Körper war an seine Brust gedrückt.

Eine Faust hielt den Ärmel von Annas grüner Strickjacke so fest, dass ihre Knöchel hell waren.

Maple lag um sie herum, nicht wirklich auf ihr, nicht Besitz ergreifend, sondern schützend.

Sein Kinn ruhte über ihrem Haar.

Seine Augen waren offen.

Er sah mich an, ohne den Kopf zu heben.

In diesem Augenblick war der ganze Raum eingefroren.

Die Schranktür.

Der Teppich.

Der Wecker.

Die Kleiderbügel, die kein Geräusch machten.

Sogar mein Atem schien nicht weiterzuwollen.

„Lucy“, flüsterte ich.

Sie öffnete die Augen.

Ich erwartete Schreck.

Ich erwartete Schuld.

Ich erwartete, dass sie sofort aufsprang, wie Kinder aufspringen, wenn sie merken, dass sie gegen eine Regel verstoßen haben.

Sie tat nichts davon.

Sie sah mich nur an.

Ihre Augen waren müde, aber nicht verwirrt.

Als hätte sie lange auf mich gewartet und wäre enttäuscht, dass ich so spät kam.

„Papa“, sagte sie.

Mehr nicht.

Dieses eine Wort traf mich härter als jeder Satz im Krankenhaus.

Ich kniete im Türrahmen.

Meine Hand lag auf dem Teppich.

Der Teppich war rau unter meiner Handfläche.

Ich erinnere mich daran, weil Trauer sich manchmal an die sinnlosesten Details klammert.

Ich wollte sagen, komm ins Bett.

Ich wollte sagen, wir sprechen morgen darüber.

Ich wollte sagen, das hier ist nicht gesund.

Ich wollte Vater sein, also derjenige, der weiß, wo ein Kind schlafen soll.

Aber mein Blick fiel auf Maples Pfote.

Sie lag auf dem Saum von Annas blauem Morgenmantel.

Genau wie in der fünften Nacht.

Nicht fest.

Nur bestimmt.

Lucy bewegte die Finger im Ärmel der grünen Strickjacke.

„Ich konnte nicht schlafen“, sagte sie.

Ihre Stimme war heiser.

„Ich weiß“, sagte ich.

Das war nicht genug, aber es war alles, was herauskam.

„Maple war hier“, sagte sie.

Ich nickte.

„Er hat gewartet.“

Ich sah Maple an.

Er blinzelte langsam.

Vielleicht war das alles, was ein Hund tun kann, wenn ein Kind eine Wahrheit ausspricht, vor der Erwachsene Möbel verrücken, Türen schließen und Post sortieren.

„Lucy“, begann ich.

Dann hörte ich meine eigene Stimme und hielt inne.

Sie klang wie die Stimme eines Mannes, der ein Formular ausfüllt.

Korrekt.

Leer.

Nicht böse, aber weit weg.

Ich wollte nicht weit weg sein.

Nicht von ihr.

Nicht in diesem Moment.

Also sagte ich nichts.

Lucy zog Annas Strickjacke näher an ihre Brust.

„Sie riecht noch so“, flüsterte sie.

Ich schluckte.

Im Schrank hing Lavendel.

Baumwolle.

Zedernholz.

Und darunter etwas, das nicht in Worte passte, weil es kein Duft mehr war, sondern Erinnerung.

„Ja“, sagte ich.

„Ein bisschen.“

„Nicht ein bisschen.“

Sie sagte es nicht trotzig.

Sie sagte es genau.

So wie Anna manchmal gesprochen hatte, wenn sie wollte, dass ich aufhörte, eine harte Sache weich zu machen.

Nicht ein bisschen, Daniel.

Sag es richtig.

Ich spürte, wie mir der Atem wegbrach.

Lucy schob sich näher an Maple.

Maple hob sein Kinn und legte es wieder über ihr Haar.

Es war eine kleine Bewegung.

Für Lucy war es alles.

Ich sah es in ihrem Gesicht.

Sie entspannte sich nicht.

Nicht wirklich.

Aber sie hörte auf, gegen die Nacht zu kämpfen.

Ich hätte sie hochheben können.

Ich war stärker.

Ich war ihr Vater.

Ich hätte sie zurück in ihr Bett tragen und die Schranktür schließen können, ordentlich, sauber, endgültig.

Vielleicht hätten manche Menschen gesagt, genau das müsse man tun.

Kinder brauchen Grenzen.

Hunde brauchen Plätze.

Trauer braucht Struktur.

Ich hatte all diese Sätze gehört.

Von Nachbarn.

Von Bekannten.

Von Leuten, die beim Kondolieren die richtige Entfernung einhielten, weil sie nicht wussten, ob sie mich berühren durften.

Vielleicht stimmten die Sätze sogar.

Aber in dieser Nacht sah ich mein Kind im Schrank meiner toten Frau liegen und begriff, dass Grenzen manchmal nicht retten.

Manchmal ist eine Regel nur eine Tür, die man vor dem einzigen warmen Ort zuschlägt.

Ich blieb auf den Knien.

Der Flur hinter mir war dunkel.

Vor mir lag Lucy zwischen Maples Vorderbeinen.

Zwischen uns hing Anna.

Nicht als Geist.

Nicht als Wunder.

Als Stoff.

Als Geruch.

Als fehlende Stimme.

Als alles, was ein Kind noch greifen konnte, wenn die Welt ihr erklärte, dass Liebe jetzt unsichtbar sein müsse.

„Willst du zurück ins Bett?“, fragte ich.

Ich hasste mich sofort für die Frage.

Lucy sah mich an.

Maple sah mich an.

Das Haus schwieg.

Dann schüttelte Lucy den Kopf.

Ganz langsam.

Kein Drama.

Kein Weinen.

Nur ein Nein, das kleiner war als Maples Pfote und schwerer als mein ganzer Körper.

Ich nickte.

„Okay“, sagte ich.

Das Wort kam brüchig heraus.

Ich setzte mich nicht sofort zu ihnen.

Ich blieb noch einen Moment im Türrahmen, weil ich nicht wusste, ob ich eingeladen war.

Das klingt seltsam, wenn man über sein eigenes Schlafzimmer spricht.

Aber Trauer macht aus vertrauten Räumen fremde Länder.

Und dieser Schrank gehörte nicht mehr mir.

Er gehörte Maple.

Er gehörte Lucy.

Vielleicht gehörte er noch immer Anna.

Dann hob Lucy die Hand.

Nicht viel.

Nur zwei Finger.

Eine kleine Bewegung in meine Richtung.

Ich kroch nicht hinein.

Noch nicht.

Ich rückte nur näher, bis meine Schulter den Türrahmen berührte und meine Knie auf dem Teppich schmerzten.

Ich blieb dort, halb draußen, halb drinnen.

Ein Vater am Rand einer Wahrheit, die sein Kind schon angenommen hatte.

Lucy legte ihre Stirn an Maples Fell.

„Papa“, sagte sie wieder.

„Ja.“

Sie sah nicht auf.

„Mama ist noch hier.“

Da hätte ich ihr widersprechen sollen.

Ich weiß das.

Ein Teil von mir wusste es sogar damals.

Ich hätte erklären sollen, dass Menschen sterben und Erinnerungen bleiben.

Ich hätte die einfachen Worte suchen sollen, die Ratgeber empfehlen, Worte ohne Bilder, ohne falsche Hoffnung, ohne Sätze, die später wehtun.

Aber als ich den Mund öffnete, sah ich Annas grüne Strickjacke in Lucys Faust.

Ich sah Maples dunkle Augen.

Ich sah die Kaffeetasse unten an der Spüle vor mir, den Regenmantel am Haken, die Lesebrille auf der Sofalehne, die Post auf dem Flurtisch, die ich so ordentlich gestapelt hatte, als wäre Papier leichter zu ertragen als Verlust.

Und ich konnte nicht sagen, dass Anna nicht hier war.

Nicht so.

Nicht in einer Form, die Lucy verstand.

Nicht in einer Form, die Maple bewachte.

Also sagte ich nur: „Erzähl mir, was du meinst.“

Lucy atmete gegen Maples Fell.

„Tagsüber ist sie weg“, sagte sie.

Jedes Wort kam langsam, als müsse sie es aus einem Ort holen, den sie bisher allein bewacht hatte.

„In der Küche ist sie weg. In meinem Zimmer ist sie weg. Wenn Leute kommen und leise sprechen, ist sie weg.“

Ich schloss die Augen.

„Aber hier“, sagte Lucy.

Sie zog die Strickjacke näher.

„Hier ist sie nicht ganz weg.“

Maple seufzte.

Ein langer, tiefer Hundeatem.

Als würde auch er bestätigen, was sie sagte.

Ich weiß nicht, wie lange wir so blieben.

Minuten.

Vielleicht länger.

Der Wecker zeigte irgendwann 1:32 Uhr.

Dann 1:48 Uhr.

Zeit hatte in dieser Nacht keine normale Funktion.

Sie machte nur sichtbar, dass ich noch immer kniete und mein Kind noch immer im Schrank lag.

Irgendwann setzte ich mich auf den Teppich.

Nicht in den Schrank.

Daneben.

Ich streckte die Hand aus, nicht zu Lucy, sondern auf den Boden vor sie.

Eine Frage ohne Druck.

Sie sah meine Hand an.

Dann legte sie ihre freien Finger hinein.

Ihre Hand war warm.

Klein.

Lebendig.

Ich hielt sie so vorsichtig, als könnte zu viel Trost sie zerbrechen.

Maple drehte den Kopf und schnupperte an meinem Handgelenk.

Dann senkte er ihn wieder.

Das war seine Erlaubnis.

In den Wochen danach versuchte ich nicht mehr, Maple aus dem Schrank zu holen.

Ich griff nicht mehr nach der Leine, nicht nachts, nicht wenn Besuch kam, nicht wenn jemand sagte, das sei doch kein Zustand.

Vielleicht war es kein Zustand.

Aber es war unser Zustand.

Und er war ehrlicher als das Wohnzimmer, in dem alle so taten, als müsse man nur genug Kissen aufschütteln und genug Kaffee anbieten, damit ein Tod gesellschaftsfähig wird.

Lucy schlief nicht jede Nacht dort.

Aber manchmal.

Am Anfang häufiger.

Dann seltener.

Nie ohne Maple.

Sie fragte nicht um Erlaubnis.

Sie stand einfach im Flur, ihr Kissen unter dem Arm, und sah mich an.

Ich lernte, dass nicht jedes Nein ein Kind schützt.

Manchmal schützt ein Ja das Einzige, was noch nicht gebrochen ist.

Ich stellte keine Regeln auf, nur leise Absprachen.

Die Schranktür blieb offen.

Kein Essen im Schlafzimmer.

Die kleine Lampe im Flur blieb an.

Wenn sie Angst bekam, rief sie mich.

Sie nickte jedes Mal ernst, als schließe sie einen Vertrag.

Kinder verstehen Verträge, wenn Erwachsene sie nicht mit falschen Hoffnungen füllen.

Maple hielt sich an seine eigene Ordnung.

Er ging erst in den Schrank, wenn Lucy schlief oder das Haus still wurde.

Er stand auf, wenn sie weinte.

Er legte sich so hin, dass sie seinen Atem spüren konnte.

Manchmal brachte er ihr keinen Ball, kein Spielzeug, nichts Fröhliches.

Nur sich selbst.

Das war genug.

Vor dem Ende dieses Jahres wurde der Schrank der einzige Raum in unserem Haus, in dem Lucy den Namen ihrer Mutter aussprechen konnte, ohne sofort zu zerbrechen.

Nicht die Küche.

Nicht der Flur.

Nicht ihr Kinderzimmer mit den bunten Vorhängen.

Der Schrank.

Zwischen Baumwolle, Lavendelseife, Zedernbügeln, einer grünen Strickjacke und einem alten Hund, der besser als ich verstand, dass Liebe manchmal nicht loslässt, weil Loslassen noch nicht dran ist.

Ich erzähle das nicht, weil ich damals alles richtig gemacht habe.

Ich habe vieles falsch gemacht.

Ich ließ Tassen stehen, weil ich Angst vor dem Spülen hatte.

Ich stapelte Briefe, weil ich Angst vor Namen auf Papier hatte.

Ich sagte „alles in Ordnung“, obwohl nichts in Ordnung war.

Ich verwechselte Ruhe mit Heilung und Schlaf mit Frieden.

Aber in jener Nacht um 1:17 Uhr lernte ich, dass Trauer bei Kindern nicht immer laut ist.

Manchmal ist sie ein fehlendes Kissen.

Eine offene Schranktür.

Eine Faust im Ärmel einer grünen Strickjacke.

Ein Hund, der seine Pfote auf einen blauen Morgenmantel legt und dich mit dunklen Augen ansieht, als wollte er sagen, dass du endlich aufhören sollst, die falsche Tür zu schließen.

Und als Lucy später wieder flüsterte, dass Mama noch hier sei, widersprach ich ihr nicht.

Ich rückte nur näher.

Ich legte meine Hand auf den Teppich.

Und Maple, der alte höfliche Hund meiner Frau, hob den Kopf gerade so weit, dass auch ich einen Platz am Rand dieses kleinen, dunklen, warmen Raumes bekam.

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